12 Stunden bis unter den Meeresgrund - Tag 45

6:00 Uhr morgens, 10 °C und es tröpfelt, aber die Vorfreude auf das übermorgige große Zwischenziel lässt den durchwachsenen Morgen in einem ganz anderen Licht erstrahlen. Hochmotiviert bauen wir das Zelt ab. Alles um uns herum schläft und wir rollen gegen 7:15 Uhr los.

„Lass uns noch bei dem Coop halten.“, schlägt Kyra vor, da unsere Vorräte erneut zur Neige gehen. Als wir den Laden erreichen, schläft ein Motorradfahrer im Aufenthaltsraum. Der Markt öffnet erst um 9:00 Uhr. Eigentlich sollte es auch noch über den Tag reichen. Zügig wird der erste Anstieg genommen. Ein Norweger überholt uns dicht auf freier Straße und wir erschrecken uns zu Tode. Er hupt bei jedem von uns einmal. Warum? Wir fahren rechts am Rand, hintereinander, mit Warnweste, Reflektoren an den Taschen und Beleuchtung am Rad. Wir werden es nie erfahren. Zum Glück haben wir den Lenker bei der langsamen Fahrt im Anstieg nicht verrissen. Das hätte wahrlich schlimm enden können.

 

Auf einem Parkplatz bemerkt Michi einen Wohnwagen, „Schau, der hat Skier statt Reifen!“, ruft Michi zu Kyra. Wir sind eindeutig hoch im Norden angekommen. Oben angekommen lässt der Nieselregen nach und ein herrlicher Rückenwind treibt uns auf einer sanften Abfahrt vorbei an kargen, unendlichen Weiten. „Was zum…“, beginnt Michi und Kyra ergänzt „Ist der wahnsinnig?“. Locker joggend kommt uns ein Mann entgegen. Vor sich schiebt er einen einachsigen Anhänger. Auf die schnelle sehen wir, dass dieser über und über beladen ist mit einem Zelt, diversen Taschen und, und, und. „Heeeej!“ grüßen wir uns freudestrahlend. So verrückt sind wir also gar nicht. Nach einer weiteren leichten Steigung in einer langgezogenen Rechtskurve sehen wir erneut die endlos erscheinende Straße vor uns.

Ein Fluss gesellt sich zur Straße und zahlreiche Angler versuchen ihr Glück im glasklaren, rauschenden Wasser stehend. „Noch 5 km zum Shelter“, merkt Kyra an. Hier wollen wir unsere Mittagspause einlegen. Die Hütte entpuppt sich jedoch als Eigentum des hiesigen Jägers und Angelvereins. In großen Lettern wird eindeutig darauf hingewiesen und, dass die Nutzung durch Dritte untersagt ist. Wir ziehen weiter. An einem Rastplatz finden wir eine überdachte Bank und machen Pfannkuchen. „Oh nein! Der Zimt!“, entfährt es Michi, als er die Tasche mit dem Proviant durchwühlt und das feine Gewürz sich überall verteilt hat. Auch nach der Reinigung wird die Tasche eine Weile die Zimttasche bleiben. Ein Wohnmobil rettet uns und überlässt uns 3 Liter frisches Quellwasser. Auf einmal hupt es und der Verkehr kommt zum Erliegen. Zahlreiche Rentiere beanspruchen die Straße für sich. Als wir nach der Pause Emil und Elias auf die Straße schieben wird diese noch immer nicht freigegeben. Wir können an den zutraulichen Tierchen mit ihren flauschigen Geweihen vorbeirollen. Auf den weiteren Kilometern tauchen auf einmal überall links, rechts und auf der Straße Rentiere auf. Manche haben eine Glocke, andere scheinen „wild“. Endlich erreichen wir Skaidi. Die Tankstelle hat einen kleinen Supermarkt angegliedert. Michi kauft ein und füllt den Wasservorrat auf. Kyra geht aufs Klo und verstaut den Einkauf. Es geht weiter, der letzte Anstieg der Tagesetappe. Wir haben es geahnt und erwartet, doch nun ist es soweit. Für 12 Uhr war Regen angesagt. Lange konnten wir den dichten Regenwolken entkommen, doch nun holen sie uns ein und ergießen ihre Last auf uns. Dick und dicht eingepackt radeln wir entgegen den zahlreichen Bächen auf der Fahrbahn. In einer rasanten Abfahrt erreichen wir Olderfjord. Küste, Meer, noch mehr Rentiere und hartnäckiger Dauerregen.

In einer kleinen Bucht hält ein Wohnmobil am Straßenrand und Christin, Anna und Maya stehen am Straßenrand. Patrick und die kleine Lilly sitzen im warmen am Steuer. Die zufälligen Begegnungen einer Radreise. Herrlich! Wir reden über Mayas Geburtstag, Rentiere und unsere Planung zum Nordkap. „Wie es aussieht, werden wir morgen Abend dort sein.“, sagen wir beide einstimmig. Womöglich sehen wir uns somit erneut. Es sind jedoch noch einige Kilometer und so langsam knurrt der Magen erneut. Wir fahren weiter und werden von einem freundlichen Straßenarbeiter an einer roten Ampel vorbei gewunken. Es geht in einen dunklen, kalten Tunnel. Der ergiebige Regen ist für ein paar Kilometer Geschichte. Auf der anderen Seite wird das Knurren lauter. Es zieht sich vorbei an schönen Schieferformationen, glasklarem Wasser und endlich kommt ein Rastplatz. Im strömenden Regen kochen wir Spaghetti mit Pesto und unterhalten uns noch kurz mit einem Pärchen, das neben einem Wohnwagen steht und mit einem Fernglas Rentiere beobachtet. Schnell ist alles aufgegessen und wir radeln weiter. „Wenn es aufhört zu regnen, bauen wir das Zelt auf.“, so unser Plan. Doch es regnet beständig. So langsam kriecht das Wasser in alle Öffnungen. „Was ist bei dir noch trocken?“, fragt Michi. „Der Kopf, denke ich, die Unterseiten der Oberschenkel, ansonsten… der Rücken?“, antwortet Kyra sichtlich durchnässt. „Bei mir ist es der Kopf…Uähhhhh… nun läuft es auch hinten am Unterschenkel runter.“, quittiert Michi das Dilemma. Es ist wirklich saukalt. Wir sind durchnässt, sodass sogar die Plastiktüten in den Schuhen keinen Schutz mehr bieten.

Der geplante Zeltplatz am Strand fällt flach. Das Wasser ist da, überall, nur der Strand lässt sich nicht auffinden. Also weiter… eine Kurve später findet sich eine Klippe. Der Regen setzt kurz aus. Wir versuchen es. Schnell wird ein Bereich von kantigen, großen Steinen gesäubert und unsere Plane, mit selbigen beschwert, ausgelegt. Das Innenzelt wird ausgelegt, die Heringe in den… Michi flucht: „Hier geht nichts rein! Dort auch nicht! So eine…“ Die Stimmung kippt, der Regen setzt erneut ein. Enttäuscht, erschöpft und frierend packen wir alles leicht nass ein. Der Eingang zum Nordkaptunnel, die letzte Chance. Bis hierhin zu kommen war weder geplant noch gewollt. Kyras Uhr und Smartphone haben bereits keinen Akku mehr, uns geht es ähnlich. Im Internet sehen wir nochmal nach… und dort ist eine geeignete Wiese. Wir schleppen uns zum Eingang und… dort sind Wiesen. Entweder durch den Dauerregen von Tümpeln und Bächen durchzogen oder erneut so steinig, dass es keinen Sinn ergibt das Zelt erneut dem Regen auszusetzen. „Hinter dem Tunnel kommt ein Rastplatz! Vielleicht ist es das Beste…“ sagt Michi zerknirscht. „Man sollte den Tunnel ohnehin bestenfalls abseits der Tageszeit fahren“. Also entscheiden wir uns um 0:30 Uhr tapfer und weiterhin klatsch nass den Tunnel zu durchfahren.

Der Nordkap-Tunnel ist ein 6.875 km lang und somit der drittlängste Unterwassertunnel Europas. Wir rasen durch die Kälte des Tunnels hinab. 3 km geht es mit 10 % Steigung auf 212 m unter dem Meeresspiegel. Uns schüttelt es vor Kälte. Kaum sind wir unten scheint die Straße einen Knick nach oben zu machen. Wir schalten geschwind in den kleinsten Gang. Nun geht es zunächst ein paar hundert Meter mit 5-8 % Steigung hinauf. „Wird das da noch steiler?“ schnauft Michi. Die Lichter an der Decke des Tunnels werden von der Straße verschluckt, so steil wirkt es und tatsächlich, nun geht es ebenfalls knapp 3 km mit 10 % den Tunnel hinauf. Es gibt keine Möglichkeit anzuhalten oder sich durch schöne Natur abzulenken. Unser Blick fällt mehrmals auf das Salz, welches sich am Rande des Tunnels abgesetzt hat. Ein unwohles Gefühl macht sich breit: Wir sind ungefähr 200 m unter dem Wasser und brauchen bei 10 % Steigung auf 3 km ungefähr 30-45 min bis wir den Tunnel verlassen können. Hoffentlich passiert hier nichts. In dem Moment, wo wir uns über unsere Ängste austauschen, wird es laut und lauter. Ein Auto nähert sich von vorne und rauscht mit einer unglaublichen Lautstärke an uns vorbei. Wir gucken uns kurz an und stellen überzeugt fest, dass die Durchquerung nachts mit kaum Verkehr die allerbeste Idee war. Nach zwei weiteren Autos von vorne und einem von hinten wird die Steigung angenehmer und ein Licht am Ende des Tunnels wird sichtbar. Geschafft! Der Regen hat in der Zeit sogar aufgehört.

Um ungefähr 1:30 Uhr nachts verlassen wir den Tunnel und freuen uns eine Raststätte zu sehen. Diese hat sogar ein kleines Vordach neben den Toiletten, worunter 2 Bänke stehen. Wir zögern nicht lange und breiten unsere Planen auf den Bänken aus. Die Isomatte wird aufgeblasen, der Schlafsack hervorgeholt und wir legen uns erschöpft in den Schlafsack, auf die Isomatte und wickeln uns mit der Plane ein. Gegen 2:15 Uhr fallen unsere Augen zu. Dass wir am Ende des Tages 181 km und 1.560 m Steigung gefahren sind und auf einer Rastplatz-Bank schlafen, haben wir zu Beginn des Tages noch nicht gedacht.